Sieben Irrtümer über Protestanten

Protestanten, so heißt es in einem geflügelten Wort, treten aus Ärger über den Papst aus der Kirche aus –
aus ihrer eigenen, wohl bemerkt.
Protestanten protestieren eben gerne, wie der Name schon sagt. Stimmt’s? Räumen wir mit ein paar Irrtümern auf.

1. Protestanten sind eher karge Gesellen, dabei streitlustig, tendenziell depressiv und wenig sinnenfroh.
Ist natürlich Quatsch. Zwar sind Kirchen und Liturgie karger als katholische; mit mangelnder Lebensfreude hat das aber nichts zu tun.
Gerade Martin Luther hat asketische Frömmigkeitsübungen kritisiert und selbst ein durchaus sinnenfrohes bürgerliches Leben geführt, wie ein Brief an seine Frau Katharina vom 29. Juli 1534 belegen mag: „Wie gut’ Wein und Bier hab ich daheim, dazu eine schöne Frau. Und du tätest wohl daran, dass du mir herüberschickest deinen ganzen Keller voll meines Weins und eine Flasche deines Biers.”
Die Dame hat das Bier selbst gebraut – und zwar exzellent.

2. Der Karfreitag ist der höchste Feiertag der Protestanten.
Ist er nicht. Karfreitag und Ostern gehören wie bei den Katholiken untrennbar zusammen. Denn ohne die Auferstehung ist der Karfreitag nur irgend ein Freitag.

3. Bei den Protestanten sind gute Werke nicht so wichtig.
Schon Luther hat sich dagegen gewehrt: „ Sie beschuldigen mich, ich verbiete gute Werke”, schrieb er in seiner Schrift „Von guten Werken” und stellte klar: „Die Freiheit des Glaubens gibt keinen Freibrief zur Sünde.”
Er wollte gute Werke nicht abschaffen, sondern ihre innere Logik umkehren: Nicht weil ein Mensch gute Werke tut, wird er von Gott geliebt, sondern weil er von Gott geliebt wird, wird er frei, gute Werke zu tun, also sich dem Mitmenschen zuzuwenden.
Ansonsten gilt der Erich-Kästner-Satz: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Kästner war übrigens evangelisch.

4. Der Gottesdienst ist bei Protestanten nicht so wichtig.
Falsch. Es gibt zwar keine Sonntagspflicht wie bei den Katholiken, aber es gibt das dritte Gebot – mit Luther zu sprechen: Du sollst den Sonntag heiligen.
Und den heiligt man für Luther nicht schon mit dem bloßen Gang zur Kirche. Vielmehr mahnt Luther: „In der Messe tut’s not, dass wir auch mit dem Herzen dabei sind.” Katholiken dürften das kaum anders sehen.

5. Protestanten haben keinen Papst und dürfen deshalb glauben, was sie wollen.
Ganz falsch. Wohl haben Protestanten keinen Papst, aber den Konsens in ihren Bekenntnisschriften. Man kann gegen diesen Konsens nicht beliebig verstoßen. Andernfalls wirkt er ähnlich wie ein Machtwort aus Rom. Jüngster Fall: der Theologe Gerd Lüdemann, der die Auferstehung leugnete und Sätze sagte wie „Der auferstandene Jesus ist die Leiche im Keller der evangelischen Kirche”. Später maulte er dann, dass diese Kirche ihm die Lehrerlaubnis entzog. Nun ja, man kann ja auch nicht Mitglied in einem Fußballverein sein, dann erzählen, Fußball sei ein großer Mist – und fortan Handball spielen. Dieses Prinzip gilt natürlich auch für evangelische Kirchen.

6. Im Protestantismus ist die Beichte abgeschafft.
Aber nein. Luther hat das Bußsakrament abgeschafft, aber nicht die Beichte.
Er hat sie im Gegenteil geschätzt und empfohlen: Die Beichte sei ein „köstlich und tröstlich Ding”.
Er wollte nur, dass man nicht aus Zwang beichtet.

7. Bei den Katholiken verwandeln sich in der Eucharistie Brot und Wein in Fleisch und Blut, bei den Protestanten nicht.
Die Sache ist verzwickter. Die katholische „Transsubstantiation” (die Wesensverwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi) und die evangelische „Konsubstantiation” (Leib und Blut Christi sind im Abendmahl wirklich gegenwärtig) sind nun wirklich nur für Spezialisten mit 30 Semestern Theologie zu unterscheiden. In beiden Fällen wird an die Realpräsenz Christi geglaubt. Hier liegen die Konfessionen viel näher beieinander, als jener Satz glauben macht.

Jens Voss, ursprünglich veröffentlicht in der 'Rheinischen
Post' v. 31.8.05, ist entnommen aus http://www.ekvw.de/Sieben_Irrtuemer_ueber.347.0.htm